Büstenfragment eines hl. Mönch        

Michel Erhart, Ulm, um 1475/80
Büstenfragment des hl. Bernhardin von Siena OFM

Pappelholz, Rückseite ausgehöhlt, H. 43 cm, im Hinterkopf ein ‚Spechtloch’
Ehemals vollrunde, mit Rückseitenbrett geschlossene Ganzfigur
Originale Fassung und Vergoldung
Büstensockel modern

Die von einer ehemaligen Standfigur abgesägte, eindrucksvolle Büste in der Kapuzenkutte eines Bettelmönchs stellt den 1444 gestorbenen hl. Bernhardin von Siena, einen der großen Heiligen des Franziskanerordens, dar. Für ihn kennzeichnend sind die scharfgezeichneten Gesichtszüge des bartlosen, hohlwangigen Asketen mit dem kleinen Mund, die Klugheit, Demut, Güte und souveräne Entsagung signalisieren – und gleichzeitig die Qualität eines lebenden Memento mori besitzen. Schonungsloser Verismus gehört zu den typischen Merkmalen aller Darstellungen dieses Heiligen. Das hochsensible, theatralisch anmutende Mienenspiel mit den tief eingegrabenen Spuren des Alters, großen Augen, Tonsur und Stirnglatze wirkt überspitzt naturalistisch. Angestrebt ist Porträtähnlichkeit, denn Bernhardins Aussehen beruht sowohl auf gemalten zeitgenössischen Bildnissen als auch auf seiner Totenmaske, die erhalten ist (L’Aquila). Unsere Büste nimmt ein weiteres Motiv dieser Traditionslinie, die Kapuze, auf und inszeniert ein janusköpfiges Schauspiel an der Grenze zum Unheimlichen: Makaber, wie sich die Kapuze weit nach hinten schiebt, als löste sie sich wie eine zweite Kopfhaut vom Schädel. Damit repräsentiert dieses Werk von Rang das wohl früheste im Norden entstandene Bildnis des Heiligen. Stilistisch bestehen enge Parallelen zu den Mönchsfiguren aus der Werkstatt des Michel Erhart in der ehem. Dominikanerkirche Hl. Kreuz in Bad Wimpfen am Berg (um 1475), doch dürfte die Büste aufgrund ihrer individuellen Stärken von der Hand des Meisters selbst stammen.

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